Coaching

Die glorifizierte Authentizität: Ein Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung

Meine Gereiztheit steigt – schon wieder begründet ein Teilnehmer seine mangelnde Bereitschaft, neue kommunikative Fähigkeiten zu erwerben bzw. anzuwenden mit dem Kommentar: „Ich will ja authentisch bleiben!“.

Redaktion / 7/28/2022

Persönlichkeit

Führung

Veränderung

Würde das bedeuten, dass ich jetzt einfach frei raus reagiere mit dem Hinweis: „Ich sage Dir mal ganz authentisch, was ich von dieser Ausrede halte!“ und diese Retourkutsche auch noch mit meiner ganzen Gereiztheit anreichere?

Sicher nicht – und deshalb sollten wir kurz innehalten und verstehen, was Authentizität bedeutet.

Carl Rogers, einer der bekanntesten Psychologen des 20. Jahrhunderts, vertrat die Ansicht, dass Authentizität vor allem bedeutet, selbstbestimmt zu leben.

Dazu sei es notwendig, sich selbst wirklich zu kennen, mit den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen in Kontakt zu sein und diese dann wahrhaftig zum Ausdruck zu bringen.

Bei meinem konkreten Fall bedeutet das aber nicht, meinen emotionalen Impulsen spontan Raum zu geben, sondern introspektives Ergründen: Woher kommen diese Impulse? Welche meiner Bedürfnisse und Werte werden aktuell bedroht oder verletzt erlebt? In meinem Fall entsteht die Gereiztheit als Melange aus meinem tiefsten Wunsch, dass Menschen auf Basis eines Entwicklungswillens die eigene Veränderungsfähigkeit erkennen und nutzen und dem „täglich grüßt das Murmeltier"-Effekt, dass viele Menschen sich selbst wenig zutrauen, nicht wissen, wie Veränderung stattfinden kann und schlicht und ergreifend Angst haben, „sich auf den Weg zu machen“. Und last but noch least, meinem Kontrollbedürfnis, andere Menschen „zum Heil zu führen“. Wahrhaftige Reaktion nach Rogers könnte jetzt bedeuten, dass ich diese Erkenntnis dem Teilnehmer als Erklärung für meinen inneren Zustand mitteile.

Aber halt! In welcher Rolle bin ich denn unterwegs?

Ich bin Trainerin und damit in der Verantwortung, alles zu tun, was es dem Gegenüber erleichtert, an die eigene Veränderung zu glauben, in seinem Prozess zu bleiben. Hilft hier eine Verbalisierung meiner Gereiztheit? Wohl eher nicht.

Also nochmal neu nachdenken: Wie kann ich an seine Ressourcen andocken, wie seine Angst „zu versagen“ dämpfen, wie Lust „es zu probieren“ steigern? Das ist mir wichtig, also steuere ich meine Reaktion um und würdige den Wunsch nach Authentizität und frage nach, wie man denn die eigene Persönlichkeit, die eigenen Werte gut leben kann und das andere dennoch ausprobiert?

Diese Aktion setzt aber voraus, dass ich aus meinem Autopiloten aussteige, oder wie Viktor Frankl einmal sagte:

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum, in dem wir die Macht haben zu wählen.“

In dieser Reaktion liegen, so Frankl, unser Wachstum und unsere Freiheit.

Und damit ist Authentizität nichts statisches, sondern eine immerwährende Praxis, die in jedem Moment neu stattfindet. Es ist die Entscheidung, meine Reaktion nicht länger dem Autopiloten meiner Prägungen, automatischen Mustern und eingefahrenen Routinen zu überlassen, sondern stattdessen eine Antwort zu wählen, die meinen Werten, meiner Wahrheit, meinem Wesen entspricht.

Das bedeutet aber auch, dass ich heute eine andere Antwort wähle als vielleicht morgen, nicht weniger authentisch: Es kommt auf den Platz an, von dem aus ich antworte, von meinen „aktiven“ Werten in einem spezifischen Kontext, von meiner Rolle, meiner inneren Befindlichkeit etc.

Somit ist aber auch klar, dass Authentizität oder authentisch sein kein Adjektiv ist, sondern eine Fähigkeit, die sich entwickeln und trainieren lässt.

Womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei uns sind, da dies nur gelingt, wenn wir unserem Wesenskern näherkommen, der inneren Stimme unseres Herzens mutig folgen und in jedem Moment aufs Neue eine „echte“ Entscheidung treffen können.

Ute Waidelich

Geschäftsführung der develoop GmbH

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